Vatter Boeth hatte Heimweh - Ein Fünfundachtzigjähriger flog nach Köln 14,35 Uhr. Pünktlich wie der vorbildlichste D-Zug trifft das Dornier-Flugzeug von Leipzig auf dem Kölner Flughafen ein. Die Fluggäste steigen aus, als letzter ein alter Herr im schwarzen Überzieher, mit steifem Hut und schwarzer Schleife auf dem Eckenkragen: Vatter Boeth, ein Fünfundachtzigjähriger, den plötzlich das Heimweh nach Köln packte, der sich mit Sohn, Schwiegertochter und Enkel von Roßwein in Sachsen nach Leipzig aufmachte, dort um 11,55 Uhr das Flugzeug bestieg und gut zweieinhalb Stunden später in Köln anlangte. Vatter Boeth kam als Sechzigjähriger aus Gießen nach Köln, er fuhr damals mit der gerade ein Jahr bestehenden Köln-Gießener Eisenbahn in die Domstadt. Er fuhr sechs Stunden im offenen Eisenbahnwagen, also mehr als doppelt so lange wie er heute für seine Luftreise Leipzig-Köln gebraucht hat. Seinerzeit erlegte er den Fahrpreis in Kreuzern, wie er sich noch; genau erinnert. Er erzählt sofort, daß man vor 70 Jahren die Kölner Stadttore am Abend schloß, daß jene Zeit aber so manche schöne Erinnerung für ihn berge. 60 Jahre lang war Boeth in Köln, viele Jahrzehnte war er als Bankbeamter hier tätig, bis ihn der Sohn in has kleine sächsische Städtchen Roßwein mitnahm. Aber so ganz konnte er Köln und Kölner Leben und Geschehen nicht entbehren. Was lag für Vatter Boeth da näher, als sich den Stadt-Anzeiger und die Kölnische Illustrierte Zeitung in seine neue Heimat nachschicken zu lassen. So wie er Köln treu bleib, so hielt er auch seiner Zeitung die Treue. Der Flug ist ihm gut bekommen, und mit Stolz berichtet er, dass die Maschine fast 800 Meter hoch geflogen ist, fünfmal so hoch wie der Kölner Dom, den er mit freudigen Augen aus weiter Ferne schon entdeckte. Nun will der alte Herr Boeth auch auf sein Mittagsschläfchen verzichten und gleich zum Grab seiner Frau gehen, um wieder wirklich zu spüren, daß er in Köln ist. Bei der Fahrt vom Flughafen zur Stadt machte er die Augen tüchtig auf und staunte über die vielen Siedlungen in Neu-Ehrenfeld, über den sonnigen Grüngürtel, über den riesigen Straßenverkehr und über alles, was so ganz anders geworden ist seit der Zeit, wo man in Köln abends die Tore schloß…